rund8fit. Das Pessar zur Beckenbodenrehabilitation.

Das Pessar – der Sport BH für Blase, Gebärmutter & Enddarm

„Was sind denn bitte schön Pessare? Und was haben die mit meinem Beckenboden zu tun?“ Vielleicht hast du dich das auch schon gefragt, denn in letzter Zeit liest man immer häufiger davon. Aber was ist das eigentlich genau und wozu soll das gut sein?

 

rund8fit. Das Pessar zur Beckenbodenrehabilitation.

Was sind Pessare?

Die Pessare, um die es in diesem Artikel geht, sind therapeutische Hilfsmittel in der Beckenbodenrehabiliation – nicht zu verwechseln mit Pessaren für die Verhütung. Die sehen zwar teilweise ähnlich aus, dienen aber einem völlig anderen Zweck.

Das Wort „Pessar“ kommt aus dem spätlateinischen (pessarium) bzw. griechischen (pessón, pessós) und meint einen länglich runden Brettspielstein, der als eine Art Tampon verwendet wird1 und es gibt sie schon seit mehr als 2000 Jahren2. Sie sind also eigentlich nichts Neues. Früher wurden verschiedenste Dinge und Materialien verwendet: von der Kartoffel und dem Granatapfel bis hin zu Glas, Porzellan und Hartgummi.3

Mit dem Aufkommen neuer gynäkologischer OP-Techniken geriet das Pessar kurzzeitig in Vergessenheit. Da sich aber zeigte, dass die Operationen doch nicht so erfolgreich waren, wie man anfangs dachte, erlebt die Pessartherapie zu Recht eine Renaissance.

 

Tatsächlich ist damit auch heute etwas gemeint, das ähnlich wie ein „Tampon“ in die Scheide eingeführt wird. Mittlerweile nutzt man aber moderne Materialien, wie z.B. medizinisches Silikon oder speziellen Schaumstoff und es gibt sie als Einmalprodukt oder zur Mehrfachverwendung. Auch was Grösse und Form angeht ist die Auswahl heutzutage sehr gross. Es gibt Ringe, Würfel, Bügel, Tampons,… und das jeweils in verschiedenen Grössen.

 

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Was macht das Pessar?

Ein Pessar bringt die Beckenorgane – also die Blase, die Gebärmutter bzw. den Enddarm – in ihre ursprüngliche Position. Ausserdem kann es die Scheidenwände und somit die Harnröhre und den Blasenhals, bzw. den Enddarm stabilisieren. Quasi der Sport-BH für deine Beckenorgane.

Das Tolle daran ist, dass Senkungsbeschwerden und Inkontinenz4 dadurch im wahrste Sinne des Wortes behoben werden können. Das gilt sowohl für Belastungs- als auch für Dranginkontinenz.

 

Durch das Wegnehmen des Drucks von oben arbeitet der Beckenboden ausserdem viel effektiver bei Übungen und Training. Durch den Halt, den das Pessar gibt, kann die Muskulatur des Beckenbodens auch besser loslassen und entspannen, wenn sie nicht gebraucht wird. Das Pessar nimmt dem Beckenboden keine Arbeit ab oder lässt ihn faul werden – so wie manchmal vermutet wird, sondern sorgt dafür, dass er wieder funktionell arbeiten kann.

 

Weitere positive Effekte sind die Mobilisierung von Narben5 im Bereich der Vagina und die Unterstützung der Rückbildung6.

 

Gerade die Unterstützung der Rückbildung ist noch ein recht neues Einsatzgebiet für Pessare und auch noch nicht abschliessend untersucht. Wenn man aber die positiven Effekte der Pessare und die natürlichen Heilungsprozesse während der Rückbildung genau betrachtet, macht das Tragen eines solchen Hilfsmittels nach einer Schwangerschaft durchaus Sinn. Das Beckenbodenbindegewebe festigt sich ja im Laufe der Zeit wieder und dann ist es natürlich wünschenswert, dass es sich dort festigt, wo wir es haben wollen und nicht im gesenkten Zustand.

Nach dem Abklingen des Wochenflusses kann für mehrere Monate mit einer Pessartherapie begonnen werden. Studien zeigen, dass die bindegwebige Regeneration circa ein Jahr benötigt.7

 

rund8fit. Das Pessar zur Beckenbodenrehabilitation.

Wie bekomme ich ein Pessar?

Ein Pessar ist frei verkäuflich oder auf Rezept erhältlich. Im Idealfall sprichst du aber deine*n Gynäkolog*in, dein*e Urolog*in oder deine*n Urogynäkolog*in darauf an, denn ein Pessartherapie sollte eine multidisziplinäre Therapie sein. Leider sind (noch) nicht alle Ärzt*innen von Pessaren überzeugt und reagieren manchmal etwas abweisend. Das liegt daran, dass Ärzte in ihrer praktischen Ausbildung oft nicht mehr mit Pessaren zu tun haben, nur veraltete Geschichten über Nebenwirkungen kennen oder gelernt haben, dass das „nur was für alte Frauen“ ist.

Zum Glück kennen aber auch genauso viele Ärzte die positiven Effekte die Verbesserung vieler Beschwerden, wie z.B. Senkungsbeschwerden, Belastungsinkontinenz, Sexualfunktion, Stuhlentleerung und Körpergefühl.8 In den Leitlinien der „Diagnostik und Therapie bei Descensus Genitalis“ (= Senkung der Genitalorgane) findet man ausserdem die Empfehlung zur Pessartherapie8 bei Wunsch nach konservativer Therapie und zusätzlich wird in ärztlichen (urogynäkologischen) Fortbildungen wieder betont, dass die Pessartherapie eine effektive und kostengünstige Methode auch für junge Frauen ist.

Mittlerweile gibt es auch immer mehr spezialisierte Physiotherapeut*innen, die dich zu Pessaren beraten können oder sogar die Möglichkeit anbieten verschiede Modelle anzuprobieren – eine sogenannte „Pessaranpassung“ machen. Hierbei werden nach einer vaginalen Untersuchung mögliche Pessartypen ausprobiert und auch getestet, ob bestimmte Bewegungen und Toilettengang möglich sind.

Denn obwohl du ein Pessar auch ohne Rezept kaufen kannst, solltest du nicht einfach irgendein Modell bestellen, sondern dich immer vorher individuell beraten lassen und im besten Fall verschiede Typen anprobiert haben! Warum? Wenn du nicht das richtige Pessar hast, kannst du dir mehr schaden als nutzen. Es ist ein bisschen wie beim Schuhe kaufen – du brauchst das richtige Modell, in der richtigen Grösse, das gut sitzt und bequem ist.

 

Pessar Management

Im Pessar-Management haben wir 2 Möglichkeiten: ärztliches Management oder Selbstmanagement. Manche Pessare, wie z.B. das Ringpessar, werden vom Arzt bzw. der Ärztin in die Vagina eingesetzt und bleiben dann 3-6 Monate dort. Nach dieser Zeit muss bei einem Kontrolltermin das Pessar entfernt und gereinigt werden, die Vaginalschleimhaut wird untersucht und dann kann es wieder eingesetzt werden. Bei dieser Variante ist das Risiko für Nebenwirkungen etwas erhöht und Frau muss relativ oft zu Arzt.

Einen grossen Vorteil bietet das Selbstmanagement. Dabei setzt die Frau das Pessar selbst ein und entfernt es auch selbständig. Das Pessar kann also ganz individuell, selbstbestimmt und bei Bedarf genutzt werden. Gerade beim Selbstmanagement ist eine Beratung sehr wichtig! Es wird geübt, wie das Pessar korrekt eingesetzt und wieder entfernt werden kann, informiert wie es gereinigt und aufbewahrt werden muss und erklärt was es bezüglich Tragedauer und Vaginalpflege zu beachten gibt.

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Wann trage ich ein Pessar?

Wann das Pessar getragen wird, kann beim Selbstmanagement individuell festgelegt werden. Möglich ist vieles: morgens bis abends, nur zum (HighImpact-)Sport, für die Beckenbodenübungen, an Tagen mit viel stehen/tragen/gehen, in der 2. Zyklushälfte, überbrückend bis zu einer Operation, zeitweise bis zum Ende der Rückbildungszeit, vorübergehend oder sogar für immer.

Gibt es Nebenwirkungen?

Eine häufige und völlig unbedenkliche Nebenwirkung ist ein vermehrter vaginaler Ausfluss. Das ist ganz normal und kein Problem. Sollten sich allerdings Farbe und Geruch ändern, dann muss untersucht werden, ob eine Infektion vorliegt. Alle anderen Nebenwirkungen, wie z.B. Druckstellen, vaginale Infektionen, usw., liegen in der Regel an einer falsch gewählten Grösse, falschem Handling, unzureichender Hygiene oder dran, dass das Pessar in der Vagina vergessen wurde.

 

Was sollte man sonst noch wissen?

Auch bei einer professionellen Anprobe findet man nicht immer auf Anhieb das richtige Modell. Manchmal sind mehrere Termine notwendig bis du dein Pessar gefunden hast, dass zu dir und deiner Problematik passt.

Auch ist es möglich, dass sich nach einigen Tagen oder Wochen die benötigte Grösse ändert. Das ist nichts Ungewöhnliches und oft sogar ein gewünschter Effekt.

 

Gerade in der Rückbildungszeit kommt es häufig vor, dass man mit einer grösseren Grösse startet und dann im Laufe der Zeit, aufgrund der Rückbildungsprozesse, eine kleiner Grösse ausreicht.
Ausserhalb der Rückbildungszeit kann es aber auch vorkommen, dass man (aufgrund von Alterungsprozessen, Gewichtszunahme, usw.) irgendwann einen grössere Pessargrösse braucht. Das zwar nicht erstrebenswert, aber auch nicht schlimm. Wichtig ist in jedem Fall: die Grösse finden und tragen, die sitzt, passt und Beschwerdefreiheit bzw. -verbesserung bringt.

Eine gute Pflege von Vagina und Vulva, mit vaginaler Feuchtigkeits- und Fettsalbe, ist eine ideale Vorbereitung auf die Anprobe und ein wunderbare Begleitung der Pessartherapie. Spätestens in oder nach den Wechseljahren sollte eine hormonhaltige Salbe (Estriolsalbe) ärztlich verordnet und genutzt werden. Durch den lokalen Östrogenmangel kommt es zu einer sehr dünnen Vaginalschleimhaut, die leicht verletzt werden kann oder das Tragen sehr unangenehm macht.

 

Fazit:

  • Pessare sind ein eine kostengünstige Therapieoption bei Senkungsbeschwerden und Inkontinenz.
  • Pessare können vorbeugend nach Geburten getragen werden.
  • Pessare unterstützen auch beim Training und High-Impact Sport.
  • Pessare sind ein tolles Hilfsmittel – quasi der Sport-BH für Blase, Gebärmutter und Enddarm.
  • Pessare bedürfen einer professionellen Beratung.

 

 

Dieser Artikel hat Gloria Bonauer für uns geschrieben. Sie ist Physiotherapeutin, spezialisiert auf Beckengesundheit und Funktionsstörungen im Becken bei Frauen. Lest hier mehr über ihre Person und ihr Angebot und besucht sie im Instagram.

 

rund8fit. Wenn die Blase drängelt.

 

Literaturangaben/Quellen:

„Das Pessar – der Sport BH für Blase, Gebärmutter & Enddarm“

  1. https://www.duden.de/rechtschreibung/Pessar
  2. Oliver R et al.: The history and usage of the vaginal pessary: a review. Eur J Obstet Gynecol Reprod Biol 2011; 156: 125-30
  3. Shah SM et al.: The history and evolution of pessaries for pelvic organ prolapse. Int Urogynecol J Pelvic Floor Dysfunct 2006; 17: 170-5
  4. https://pessartherapie.de/de/startseite/
  5. Jürgen Wacker, Martin Sillem, Gunther Bastelt, Matthias W. Beckmann Hrsg. „Therapiehandbuch Gynäkologie und Geburtshilfe“, 3. Auflage, S.312
  6. Kathrin Beflecke, Ralf Tunn: „Ein neues Konzept in der postpartalen Pessartherapie“, Artikel aus „gynäkologe & geburtshilfe“, 2017 (S1)
  7. Staer-Jensen J, Siafarikas F, Hilde G et al.. Postpartum recovery of levator hiatus and bladder neck mobility in relation to preg- nancy. Obstet Gynecol 2015;125:531-9
  8. Leitlinienprogramm der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG), Österreichischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (OEGGG), Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (SGGG): Diagnostik und Therapie des Descensus Genitalis, S. 55

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