Immer öfter hört und liest man von Pessaren in Zusammenhang mit dem Beckenboden. Es gibt sie eigentlich schon seit mehr als 2000 Jahren, aber sie erleben gerade eine Renaissance und erfreuen sich zunehmender Beliebtheit.

Was sind Pessare?
Pessare sind kleine Hilfsmittel die in die Vagina eingeführt werden können, um Inkontinenz und Organsenkungen zu beheben. Es gibt sie in verschieden Formen und Größen und aus verschiedenen Materialien.
Wurde eine Zeit lang gedacht, man brauche diese Hilfsmittel nicht mehr, da man ja alles operieren kann, so zeigt sich immer mehr, wie wertvoll sie doch immer noch sind.
Eine Operation sollte nicht die 1. Wahl bei Beckenbodenbeschwerden sein, sondern es sollte immer zuerst versucht werden mit gezieltem Beckenbodentraining, Hilfsmitteln und eventuell auch Medikamenten zu einem zufriedenstellenden Ergebnis zu kommen. Gelingt dies nicht oder nur unzureichend kann eine OP wirklich hilfreich sein. Aber selbst nach einer Operation kann ein Pessar helfen das Ergebnis zu stabilisieren.
Pessare werden aus diesem Grund immer bekannter und beliebter, bei Frauen jeden Alters. Aufgrund der mittlerweile modernen Materialien, wie z.B. medizinisches Silikon oder speziellem Schaumstoff, sind sie endlich auch komfortabel zu tragen. Auch was Grösse und Form angeht ist die Auswahl heutzutage sehr gross. Es gibt nicht nur Ringe und Würfel, sondern auch Bügel, Tampons und noch vieles mehr und das jeweils in verschiedenen Grössen.
Da die Nachfrage steigt, passiert auch einiges im Bereich der Entwicklung von neuen Pessaren. Die neueste Variante ist das Hybridpessar – eine Kombination aus Würfel und Ringpessar.

Was macht das Pessar?
Ein Pessar bringt die Beckenorgane – also die Blase, die Gebärmutter und/oder den Enddarm – in ihre ursprüngliche Position. Es kann die Vaginalwände und somit die Harnröhre und den Blasenhals nach vorne, bzw. den Enddarm nach hinten stabilisieren. Das Pessar kann ein Widerlager bilden, wo das Gewebe zu nachgiebig wäre und somit die Kraftübertragung verbessern.
Das heisst: Senkungsbeschwerden können im wahrsten Sinne des Wortes behoben werden und Sport und Alltag sind im besten Fall beschwerdefrei wieder möglich.
Durch das Wegnehmen des Drucks von oben und dem Wiederherstellen der ursprünglichen Anatomie, arbeitet der Beckenboden ausserdem viel effektiver bei Übungen und Training.
Durch den Halt, den das Pessar gibt, kann die Muskulatur des Beckenbodens nicht nur besser aktiviert werden, sie kann ausserdem auch wieder besser losgelassen werden und entspannen, wenn sie nicht gebraucht wird. Ganz ohne, dass das Gefühl entsteht, dass „alles unten rausfällt.“
Das Pessar sorgt also dafür, dass der Beckenboden wieder funktionell arbeiten kann!
Es ist ein Mythos, dass die Beckenbodenmuskulatur dadurch weniger arbeitet, bzw. schwächer wird. Genau das Gegenteil ist der Fall.
Weitere positive Effekte sind die Mobilisierung von Narben im Bereich der Vagina und die Unterstützung der Rückbildung.
Gerade die Unterstützung der Rückbildung ist noch ein recht neues Einsatzgebiet für Pessare und auch noch nicht abschliessend untersucht. Wenn man aber die positiven Effekte der Pessare und die natürlichen Heilungsprozesse während der Rückbildung genau betrachtet, macht das Tragen eines solchen Hilfsmittels nach einer Schwangerschaft durchaus Sinn. Warum? Das Beckenbodenbindegewebe, dass durch die Schwangerschaft aufgelockert wurde, festigt sich im Laufe der (Rückbildungs-)Zeit wieder. Idealerweise festigt es sich im angehobenen und stabilisierten Zustand und nicht im gesenkten Zustand. Diese bindegewebige Regeneration benötigt circa ein Jahr, in dem die Unterstützung durch ein Pessar sehr hilfreich und sinnvoll sein kann.
Bereits im Wochenbett, nach dem Abklingen des Wochenflusses kann für mehrere Monate mit einer Pessartherapie begonnen werden. Manchmal sogar auch schon während des Wochenflusses, besonders dann, wenn bereits seit der Geburt Symptome wie Druck oder Zug nach unten, Fremdkörpergefühl in Vagina oder Enddarm, spürbar sind.
Es konnte gezeigt werden, dass Pessar-Trägerinnen (bis 12 Monate nach Geburt) im Vergleich zur Kontrollgruppe (ohne Pessar) grosse Verbesserungen bezüglich Inkontinenz und Senkungsbeschwerden erzielten.

Wie bekomme ich ein Pessar?
Ein Pessar kann auf Rezept (Hilfsmittelrezept) verordnet werden, ist aber grundsätzlich auch frei verkäuflich. Es sollte aber immer mit der Begleitung und Unterstützung einer Fachperson angepasst werden um sicher zu stellen, dass das Pessar die passende Grösse und Form hat, alle aufkommenden Fragen beantwortet und noch weitere wichtige Informationen rund um Hygiene, Handling und Pflege besprochen werden können.
So eine Fachperson kann entweder ein/e GynäkologIn/UrogynäkologIn oder ein/e spezialisierte/ BeckenbodenphysiotherapeutIn sein.
Pessartherapie sollte eine multidisziplinäre Therapie sein – kein Alleingang.
Leider sind (noch) nicht alle Ärzt*innen im Bezug auf Pessare auf dem neuesten Stand und reagieren deshalb manchmal wenig begeistert auf die Idee ein Pessar zu nutzen. Das liegt daran, dass sie in ihrer praktischen Ausbildung oft nicht lernen Pessare anzupassen oder nur alte Geschichten gehört haben, die aber bereits überholt sind. Manche Mythen halten sich hartnäckig, wie z.B. „das ist nur etwas für alte Frauen“ oder „eine Operation ist doch viel besser“.
Zum Glück werden es aber immer mehr Ärzt*innen die, die positiven Effekte des Pessars kennen – die Verbesserung vieler Beschwerden, wie z.B. Senkungsbeschwerden, Belastungsinkontinenz, Sexualfunktion, Stuhlentleerung und Körpergefühl .. Auf gynäkologischen und urogynäkologischen Kongressen gibt es mittlerweile fast immer auch Vorträge und/oder Workshops zur Pessartherapie und auch Pessarfortbildungen für Ärzte*innen sind keine Seltenheit mehr.
In den Leitlinien der „Diagnostik und Therapie bei Descensus Genitalis“ (= Senkung der Genitalorgane) findet man ausserdem die Empfehlung zur Pessartherapie bei Wunsch nach konservativer Therapie und zusätzlich wird in ärztlichen (urogynäkologischen) Fortbildungen mittlerweile wieder betont, dass die Pessartherapie eine effektive und kostengünstige Methode auch für junge Frauen ist.
Es gibt auch immer mehr spezialisierte Beckenboden-PhysiotherapeutInnen, die dich zu Pessaren beraten können oder sogar die Möglichkeit einer Pessaranpassung anbieten. Hierbei werden nach einer ausführlichen Anamnese, einer vaginalen Untersuchung und der Besprechung aller wichtigen Informationen, die in Frage kommenden Pessartypen an- und ausprobiert. Der Sitz kann geprüft werden und mit Hilfe von Belastungstests kann festgestellt werden, ob das gewählte Modell passt und tut was es soll. Manchmal dauert es auch etwas bis das richtige Pessar gefunden ist, aber circa 80 % der Frauen können ein passendes Pessar finden.
Hilfreich ist nur ein passendes Modell, in der passenden Größe, das gut sitzt und nicht rutscht.
Pessar Management
Es gibt zwei Möglichkeiten eine Patientin mit eine Pessar zu versorgen: ärztliches Management oder Selbstmanagement.
Ärztliches Management bedeutet, der/die Ärzt*in setzt das (Ring-)Pessar ein, die Patientin trägt es durchgehend und kommt nach circa 3 Monaten wieder um es herausnehmen, zu reinigen und wieder einsetzen zu lassen. Der Nachteil hierbei ist, dass es nicht mit allen Pessaren gemacht werden kann und die Gefahr für Nebenwirkungen, wie z.B. Druckstellen und Verletzungen der Vaginalschleimhaut viel grösser ist. Außerdem muss die Frau häufige Arztbesuche einplanen und darf sie nicht vergessen.
Die zweite Möglichkeit ist das sogenannte Selbstmanagement: dabei lernt die Frau das Pessar selbst einzusetzen und auch selbst zu entfernen. Das Pessar kann also ganz individuell, selbstbestimmt und bei Bedarf genutzt werden.
Gerade beim Selbstmanagement ist eine Beratung und Anpassung sehr wichtig! Es wird geübt, wie das Pessar korrekt eingesetzt und wieder entfernt werden kann, informiert wie es gereinigt und aufbewahrt werden muss und erklärt, was es bezüglich Tragedauer und Vaginalpflege zu beachten gibt.

Wann trage ich ein Pessar?
Wann das Pessar getragen wird, kann beim Selbstmanagement individuell besprochen und festgelegt werden.
Möglich ist vieles, z.B.:
- morgens bis abends
- zeitweise bis zum Ende der Rückbildungszeit/Stillzeit
- nur zum (HighImpact-)Sport
- für die Beckenbodenübungen
- an Tagen mit viel Belastung (langes Stehen, schweres Tragen)
- zyklusabhängig, z.B. in der 2. Zyklushälfte
- überbrückend bis zu einer Operation
- vorübergehend oder für immer
Gibt es Nebenwirkungen?
Eine häufige und völlig unbedenkliche Nebenwirkung ist ein vermehrter vaginaler Ausfluss. Das ist ganz normal und kein Problem. Sollten sich allerdings Farbe und Geruch ändern, dann ab zum / zur Gyn, denn es muss untersucht werden, ob eine Infektion vorliegt.
Alle anderen Nebenwirkungen, wie z.B. Druckstellen, vaginale Infektionen, usw., liegen in der Regel an einer falsch gewählten Grösse, falschem Handling, unzureichender Hygiene oder dran, dass das Pessar in der Vagina vergessen wurde.
Um das zu vermeiden ist gute Aufklärung was zu beachten ist so wichtig!
Was sollte man sonst noch wissen?
Auch bei einer professionellen Anprobe findet man nicht immer auf Anhieb ein passendes Modell. Manchmal sind mehrere Termine notwendig bis du dein Pessar gefunden hast, dass zu dir und deiner Problematik passt.
Auch ist es möglich, dass sich nach einigen Tagen oder Wochen die benötigte Grösse ändert. Das ist nichts Ungewöhnliches und oft sogar ein gewünschter Effekt.
Eine gute Pflege von Vagina und Vulva, mit vaginaler Feuchtigkeits- und Fettsalbe, ist eine ideale Vorbereitung auf die Anprobe und eine wichtige Begleitung der Pessartherapie. Das Tragen wird dadurch viel angenehmer und man vermeidet Nebenwirkungen, wie Druckstellen.
Individuell kann es zusätzlich hilfreich sein, ergänzend eine niedrigdosierte Östrogensalbe (Estriol) zu nutzen. Für die Einschätzung, ob dies notwendig ist, wendet man sich am besten an eine/n Arzt/Ärztin. Ist die Vaginalschleimhaut aufgrund eines Mangels an Östrogen sehr dünn, empfindlich oder trocken, braucht es zusätzliche Unterstützung durch Estriolsalbe oder -zäpfchen. Diese gibt es auf Rezept.
Zusätzliche Unterstützung durch Estriol kann sowohl in den Wechseljahren, also auch in der Stillzeit notwendig sein. Vergessen darf man hierbei nicht, dass die ersten hormonellen Veränderungen bereits Mitte 30 beginnen!
Fazit
- Pessare bedürfen einer professionellen Beratung und Anpassung.
- Pessare sind ein eine kostengünstige Therapieoption bei Senkungsbeschwerden und Inkontinenz.
- Pessare können früh nach Geburt getragen werden um die Rückbildung zu unterstützen und Beschwerden kurz- und langfristig zu verbessern.
- Pessare unterstützen auch beim Training und High-Impact Sport.
- Pessare sind ein gutes Hilfsmittel für Frauen – egal ob jung oder alt.
Das Pessar: Mythen, Fakten, Klartext
Erfahre mehr zum Thema Pessar im Gespräch zwischen den beiden Beckenodenphysiotherapeutinnen Carolin und Gloria (Pessar-Expertin):
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Dieser Artikel hat Gloria Bonauer für uns geschrieben. Sie ist Physiotherapeutin, spezialisiert auf Beckengesundheit und Funktionsstörungen im Becken bei Frauen. Lies hier mehr über ihre Person und ihr Angebot und besuche sie auf Instagram.

Literaturangaben/Quellen
- Bugge C, et al.: „Pessaries (mechanical devices) for managing pelvic organ prolapse“ -Cochrane-Review, 2020
- https://www.duden.de/rechtschreibung/Pessar
- Oliver R et al.: The history and usage of the vaginal pessary: a review. Eur J Obstet Gynecol Reprod Biol 2011; 156: 125-30
- Van der Vaart LR, et al.: „Effect of pessary vs surgery on patient-reported outcomes in pelvic organ prolapse“, 2022f
- Shah SM et al.: The history and evolution of pessaries for pelvic organ prolapse. Int Urogynecol J Pelvic Floor Dysfunct 2006; 17: 170-5
- https://pessartherapie.de/de/startseite/
- Jürgen Wacker, Martin Sillem, Gunther Bastelt, Matthias W. Beckmann Hrsg. „Therapiehandbuch Gynäkologie und Geburtshilfe“, 3. Auflage, S.312
- Kathrin Beflecke, Ralf Tunn: „Ein neues Konzept in der postpartalen Pessartherapie“, Artikel aus „gynäkologe & geburtshilfe“, 2017 (S1)
- Staer-Jensen J, Siafarikas F, Hilde G et al.. Postpartum recovery of levator hiatus and bladder neck mobility in relation to preg- nancy. Obstet Gynecol 2015;125:531-9
- Hagen S, et al. „Clinical effectiveness of vaginal pessary self-management“ – Lancet eClinical, 2023
- Leitlinienprogramm der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG), Österreichischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (OEGGG), Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (SGGG): Diagnostik und Therapie des Descensus Genitalis, S. 55


