Nahrungsergänzungsmittel in der Schwangerschaft

Kaum ein Thema ist in der Schwangerschaft so präsent wie die Frage nach Nahrungsergänzungsmitteln. Während früher vor allem Folsäure und Eisen im Fokus standen, hat sich das Spektrum in den letzten Jahren deutlich erweitert. Vitamin D, Omega-3-Fettsäuren, Probiotika, Kollagen oder sogenannte Superfoods werden heute häufig als essenziell für eine gesunde Schwangerschaft beworben. Gleichzeitig wächst die wissenschaftliche Literatur zu diesem Thema und sie zeigt ein deutlich differenzierteres Bild als viele Marketingversprechen. Einige Nährstoffe sind klar evidenzbasiert und haben nachweisbare Effekte auf Schwangerschaft und kindliche Entwicklung, während bei anderen der Nutzen unklar ist oder nur in bestimmten Risikogruppen nachgewiesen werden konnte.

Wie sich die Empfehlungen über die Jahre verändert haben

Wenn man die Entwicklung der Empfehlungen von Nahrungsergänzungmittel in der Schwangerschaft über die letzten Jahrzehnte betrachtet, wird ein klarer Wandel sichtbar. Bis in die frühen 2000er-Jahre konzentrierten sich Leitlinien vor allem auf die Vermeidung klassischer Mangelerkrankungen. Folsäure wurde empfohlen, um Neuralrohrdefekte zu verhindern und Eisen, um Schwangerschaftsanämie zu vermeiden. Diese Empfehlungen basierten auf klaren klinischen Daten und gehören bis heute zu den am besten belegten Massnahmen in der pränatalen Versorgung.

In den letzten zehn bis fünfzehn Jahren hat sich der Fokus jedoch erweitert. Forschung beschäftigt sich zunehmend damit, ob Nahrungsergänzungsmittel in der Schwangerschaft nicht nur Mangelzustände verhindert, sondern auch Schwangerschaftskomplikationen reduziert, Frühgeburten senkt oder die neurologische Entwicklung des Kindes verbessert.

Metaanalysen zeigen allerdings, dass der Nutzen vieler Nahrungsergänzungsmittel in der Schwangerschaft stark vom Ausgangsstatus der Frau und ihrer allgemeinen Ernährungsqualität abhängt.

Kombinierte Mikronährstoff-Supplemente senken beispielsweise das Risiko für niedriges Geburtsgewicht oder Frühgeburt vor allem in Populationen mit schlechter Grundversorgung, während in gut versorgten Ländern der zusätzliche Effekt deutlich geringer ausfällt (National Institution of Health (NIH) Office of Dietary Supplements, 2025).

Nahrungsergänzungsmittel in der Schwangerschaft

Folsäure

Folsäure ist nach wie vor das am besten untersuchte Nahrungsergänzungsmittel in der Schwangerschaft und gilt als Goldstandard der pränatalen Supplementierung. Zahlreiche Studien zeigen, dass eine Einnahme vor der Empfängnis und im ersten Trimester das Risiko für Neuralrohrdefekte um mehr als siebzig Prozent senkt. Auf dieser Basis empfehlen internationale Leitlinien eine tägliche Einnahme von 400 bis 800 Mikrogramm Folsäure ab Kinderwunsch bis mindestens zum Ende des ersten Trimesters (NIH Office of Dietary Supplements, 2025).

Kaum ein anderes Nahrungsergänzungsmittel in der Schwangerschaft verfügt über eine vergleichbar klare und starke Evidenzlage.

Gleichzeitig wird in neueren Diskussionen darauf hingewiesen, dass die natürliche Form Folat sowie die bioaktive Form 5-Methyltetrahydrofolat möglicherweise besser verwertet werden als synthetische Folsäure, insbesondere bei genetischen Varianten im Folatstoffwechsel. Die klinische Relevanz ist jedoch noch nicht abschliessend geklärt (Nichols, 2018).

Eisen

Der Eisenbedarf steigt in der Schwangerschaft deutlich an, da das mütterliche Blutvolumen zunimmt und gleichzeitig der Fetus sowie die Plazenta mitversorgt werden müssen. Ein Eisenmangel kann das Risiko für mütterliche Anämie, Frühgeburt und niedriges Geburtsgewicht erhöhen. Schätzungen zufolge sind weltweit über 40 % der Schwangeren von Anämie betroffen, wobei etwa die Hälfte auf Eisenmangel zurückzuführen ist (World Health Organization, 2024).

Internationale Leitlinien empfehlen daher eine gezielte Supplementierung, insbesondere zur Prävention von Eisenmangel und dessen Folgen. Die World Health Organization empfiehlt eine tägliche Zufuhr von 30–60 mg elementarem Eisen in Kombination mit Folsäure während der Schwangerschaft, um das Risiko für Anämie, niedriges Geburtsgewicht und Frühgeburt zu reduzieren (WHO, 2024). Gleichzeitig wird zunehmend betont, dass eine pauschale Supplementierung nicht in allen Fällen notwendig ist, sondern idealerweise an den individuellen Eisenstatus angepasst erfolgen sollte, da höhere Dosierungen auch Nebenwirkungen verursachen können.

 

Vitamin D

Vitamin D gehört zu den am häufigsten diskutierten Nährstoffen der letzten Jahre. Es wird mit einer Vielzahl möglicher Effekte in Verbindung gebracht, darunter eine Reduktion von Präeklampsie, Gestationsdiabetes oder Frühgeburt. Die wissenschaftliche Evidenz dazu ist jedoch uneinheitlich.

Eine grosse Cochrane-Übersicht aus dem Jahr 2024 kommt zu dem Schluss, dass die vorhandenen Studien sehr unterschiedliche Ergebnisse liefern und die Qualität der Evidenz für viele dieser Effekte als unsicher einzustufen ist.

Zwar zeigen einige Studien positive Zusammenhänge, doch sind diese nicht konsistent genug, um eine generelle Supplementation ohne vorherige Diagnostik zu empfehlen (Palacios et al. 2024). Der aktuelle Konsens lautet daher, dass eine Supplementierung vor allem bei nachgewiesenem Mangel sinnvoll ist.

 

Omega-3-Fettsäuren

Omega-3-Fettsäuren, insbesondere DHA (Docosahexaensäure), gehören zu den am intensivsten untersuchten Nährstoffen der letzten Jahre. Sie spielen eine wichtige Rolle in der Entwicklung des kindlichen Gehirns und wurden insbesondere im Zusammenhang mit Frühgeburten untersucht. Eine grosse Cochrane-Metaanalyse mit über zehntausend Schwangeren zeigt, dass die Einnahme von Omega-3-Fettsäuren das Risiko für Frühgeburt unter 37 Schwangerschaftswochen sowie das Risiko für sehr frühe Frühgeburt unter 34 Wochen reduzieren kann. Zudem gab es Hinweise auf eine geringere perinatale Sterblichkeit. Diese Ergebnisse gelten als moderat bis gut belegt und stellen einen der wichtigsten Fortschritte in der pränatalen Supplementforschung der letzten Jahre dar (Middelton et al., 2018).

Besonders relevant ist eine ausreichende Versorgung für Schwangere, die keinen Fisch essen, da Fisch eine der wichtigsten natürlichen DHA-Quellen darstellt. Pflanzliche Lebensmittel wie Leinsamen, Chiasamen oder Walnüsse enthalten zwar Omega-3-Fettsäuren in Form von ALA (Alpha-Linolensäure), die Umwandlung in DHA ist im menschlichen Körper jedoch begrenzt. Daher kann bei vegetarischer oder veganer Ernährung eine Supplementierung mit DHA aus Algenöl sinnvoll sein, um eine ausreichende Versorgung während der Schwangerschaft sicherzustellen.

 

Cholin

Cholin gewinnt in der Schwangerschaft zunehmend an Aufmerksamkeit, da es eine wichtige Rolle für die Entwicklung von Gehirn und Nervensystem des Kindes spielt. Der Nährstoff ist unter anderem an der Bildung von Zellmembranen und Neurotransmittern beteiligt. Besonders reich an Cholin sind Eier, Fleisch, Fisch und Milchprodukte. Da viele Schwangere die empfohlenen Mengen über die Ernährung jedoch nicht erreichen, wird aktuell diskutiert, ob eine zusätzliche Supplementierung sinnvoll sein könnte.

Die bisherige Studienlage deutet darauf hin, dass eine ausreichende Cholinversorgung positive Effekte auf die kindliche Neuroentwicklung haben könnte. Gleichzeitig ist die Evidenz bislang noch nicht stark genug, um eine generelle Supplementierung für alle Schwangeren zu empfehlen.

Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2025 (Gould et al.) kommt zu dem Schluss, dass erste Studien zwar potenzielle Vorteile zeigen, die Datenlage insgesamt aber noch uneinheitlich ist. Besonders relevant könnte Cholin für Schwangere mit geringer Aufnahme tierischer Lebensmittel sein.

 

Kreatin

Kreatin ist eine körpereigene Substanz, die eine zentrale Rolle im Energiestoffwechsel spielt. Während der Schwangerschaft verändern sich Energiebedarf und Stoffwechsel deutlich – entsprechend gibt es Hinweise, dass auch der Kreatinstoffwechsel angepasst wird. Eine prospektive Kohortenstudie zeigt, dass sich Kreatin und seine Metaboliten im Verlauf der Schwangerschaft dynamisch verändern, was auf eine physiologische Bedeutung für Mutter und Fetus hinweist (Ellery et al., 2024). Zusätzlich wurden Zusammenhänge zwischen mütterlichen Kreatinspiegeln und fetalem Wachstum beschrieben (Dickinson et al., 2016). Diese Daten sind jedoch rein beobachtend und erlauben keine kausalen Schlüsse.

Ein Grossteil der diskutierten Vorteile basiert bislang auf präklinischen Daten: Tierstudien und experimentelle Modelle legen nahe, dass Kreatin die zelluläre Energieversorgung stabilisieren und möglicherweise neuroprotektiv wirken könnte, insbesondere bei Sauerstoffmangel während der Geburt (Ireland et al., 2014; Ellery et al., 2017). Diese Mechanismen sind biologisch plausibel, aber beim Menschen bislang nicht ausreichend untersucht.

Entscheidend ist daher die aktuelle Evidenzlage: Es fehlen randomisierte kontrollierte Studien zur Kreatin-Supplementierung in der Schwangerschaft. Reviews betonen, dass Sicherheit und Wirksamkeit beim Menschen bisher nicht ausreichend evaluiert sind (Ireland et al., 2014).

 

Calcium, Magnesium und Probiotika

Calcium wird vor allem in Zusammenhang mit Präeklampsie (Schwangerschaftsvergiftung) untersucht. Es spielt eine wichtige Rolle für die Knochenentwicklung des Kindes und die Blutdruckregulation der Mutter. Studien zeigen, dass eine ausreichende Calciumzufuhr besonders bei Frauen mit niedriger Ausgangsaufnahme das Risiko für Präeklampsie senken kann. In gut versorgten Populationen ist der zusätzliche Nutzen jedoch weniger eindeutig, was erneut zeigt, wie stark die Wirkung von Supplementen vom individuellen Ausgangszustand abhängt (NIH Office of Dietary Supplements, 2025).

Magnesium wird häufig bei Wadenkrämpfen oder Frühwehen empfohlen, die wissenschaftliche Evidenz ist jedoch uneinheitlich. Studien unterscheiden sich stark in Dosierung, Zielgruppen und Ergebnissen. Ein klarer Nutzen im Sinne einer generellen Empfehlung lässt sich daraus bislang nicht ableiten. Magnesium gilt daher eher als symptomorientiertes Supplement, das bei Beschwerden eingesetzt werden kann, aber nicht zwingend routinemässig erforderlich ist.

Ähnlich verhält es sich mit Probiotika. Sie wurden in den letzten Jahren intensiv untersucht, unter anderem zur Prävention von Gestationsdiabetes oder Allergien beim Kind. Die Studienlage ist jedoch widersprüchlich. Einige Untersuchungen zeigen positive Effekte, andere finden keinen signifikanten Unterschied. Bisher gibt es daher keine einheitliche Empfehlung für eine routinemässige Einnahme von Probiotika in der Schwangerschaft.

 

Kollagen, Chiasamen und Superfoods

Noch schwächer ist die Evidenz für neuere Trends wie Kollagen- oder Gelatine-Supplemente. Diese werden häufig mit Hautelastizität, Bindegewebsstärkung oder Geburtsvorbereitung in Verbindung gebracht.

Es existieren jedoch keine hochwertigen klinischen Studien, die einen Nutzen für Schwangerschaftsverlauf oder Geburt belegen.

Ähnliches gilt für sogenannte Superfoods wie Chiasamen. Sie können zwar Teil einer ausgewogenen Ernährung sein und liefern Ballaststoffe sowie Omega-3-Fettsäuren, doch es gibt keine klinischen Daten, die spezifische Vorteile für Schwangerschafts-Outcomes zeigen.

 

Nahrungsergänzung bei sportlich aktiven Schwangeren

Ein besonderer Aspekt betrifft sportlich aktive Schwangere. Körperliche Aktivität während der Schwangerschaft wird heute in internationalen Leitlinien ausdrücklich empfohlen, sofern sie an den individuellen Gesundheitszustand angepasst ist.

Regelmässige Bewegung kann das Risiko für einen Gestationsdiabetes senken, die kardiovaskuläre Fitness verbessern und sich positiv auf das psychische Wohlbefinden auswirken.

Regelmässige Bewegung wird mit einer besseren Gewichtskontrolle während der Schwangerschaft und teilweise mit günstigeren Geburtsverläufen in Verbindung gebracht (American College of Obstetricians and Gynecologists, 2020; World Health Organization, 2020).

 

Nahrungsergänzungmittel in der Schwangerschaft

Bei sportlich aktiven Frauen rücken bestimmte Nährstoffe stärker in den Fokus, da sich durch die Kombination aus Schwangerschaft und Training zusätzliche Anforderungen ergeben können. Eisen spielt hierbei eine zentrale Rolle, da es für den Sauerstofftransport im Blut essenziell ist und sowohl das mütterliche Blutvolumen als auch der Bedarf des Fetus während der Schwangerschaft ansteigen. Gleichzeitig kann regelmässiges Training, insbesondere Ausdauersport, den Eisenstatus zusätzlich beeinflussen, etwa durch erhöhte Verluste oder eine gesteigerte Nutzung im Stoffwechsel. Daher haben sportlich aktive Frauen ein erhöhtes Risiko für niedrige Eisenwerte. (McArdle et al., 2010; Deutsche Gesellschaft für Ernährung, 2020).

Auch Vitamin D ist ein relevanter Faktor, insbesondere bei überwiegend indoor durchgeführtem Training oder geringer Sonnenexposition. Vitamin D spielt eine wichtige Rolle im Knochenstoffwechsel sowie im Immunsystem und wird in der Schwangerschaft zusätzlich für die fetale Entwicklung benötigt. Niedrige Spiegel sind in nördlichen Breitengraden relativ häufig, weshalb je nach individueller Situation eine Supplementierung in Erwägung gezogen wird (World Health Organization, 2020).

Ein besonders zentraler Punkt bei sportlich aktiven Schwangeren ist die Proteinversorgung. Grundsätzlich steigt der Proteinbedarf im Verlauf der Schwangerschaft physiologisch an, da Eiweiss für den Aufbau von mütterlichem Gewebe, die Plazenta sowie das Wachstum des Fetus benötigt wird. Während für nicht schwangere Erwachsene etwa 0,8 g Protein pro Kilogramm Körpergewicht (nicht sportlich aktiv!) und Tag empfohlen werden, liegt der Bedarf in der Schwangerschaft laut aktuellen Empfehlungen höher, insbesondere im zweiten und dritten Trimester. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung gibt beispielsweise an, dass der zusätzliche Bedarf im zweiten Trimester etwa 7 g pro Tag und im dritten Trimester etwa 21 g pro Tag beträgt.

Für sportlich aktive Schwangere kann der Proteinbedarf darüber hinaus weiter erhöht sein. Trainingsreize, insbesondere im Kraft- und Ausdauerbereich, führen zu einer gesteigerten Proteinsynthese sowie zu Anpassungsprozessen in der Muskulatur. Studien aus der Sporternährung zeigen, dass körperlich aktive Frauen häufig von einer Proteinzufuhr im Bereich von etwa 1,2 bis 1,7 g pro Kilogramm Körpergewicht profitieren, um Muskelmasse zu erhalten und Regenerationsprozesse zu unterstützen (Thomas et al., 2016; Phillips & Van Loon, 2011). Auch wenn spezifische Daten für schwangere Sportlerinnen begrenzt sind, wird angenommen, dass sich die Anforderungen aus Schwangerschaft und Training zumindest teilweise addieren können. Daraus ergibt sich die Empfehlung, die Proteinzufuhr individuell zu betrachten und sowohl den Schwangerschaftsstatus als auch das Aktivitätsniveau zu berücksichtigen.

Gleichzeitig ist es wichtig zu betonen, dass eine erhöhte Proteinzufuhr nicht automatisch mit einer Supplementierung gleichzusetzen ist. In den meisten Fällen kann der Bedarf gut über eine ausgewogene Ernährung gedeckt werden, die proteinreiche Lebensmittel wie Milchprodukte, Hülsenfrüchte, Eier, Fisch und mageres Fleisch einschliesst.

Proteinshakes oder spezielle Supplemente sind in der Regel nicht notwendig, können jedoch in Einzelfällen sinnvoll sein, etwa wenn der Bedarf über die normale Ernährung nicht erreicht wird oder praktische Gründe eine Rolle spielen. Dabei sollte stets auf die Qualität und Sicherheit der Produkte geachtet werden, insbesondere im Hinblick auf Zusatzstoffe oder Verunreinigungen. Im Blog Ernährung in der Schwangerschaft und Stillzeit – was muss ich über Proteine wissen? findest du, nebst vertieftem Wissen zur Proteinzufuhr in der Schwangerschaft auch konkrete Ideen für proteinreiche Mahlzeiten.

Die Louwen-Diät

Die sogenannte Louwen-Diät ist ein Ernährungskonzept, das sich auf die letzten Wochen der Schwangerschaft, typischerweise ab der 34. bis 36. Schwangerschaftswoche, konzentriert. Dabei wird empfohlen, Zucker sowie Lebensmittel mit hohem glykämischen Index zu reduzieren, um starke Blutzucker- und Insulinspitzen zu vermeiden. Stattdessen sollen bevorzugt komplexe Kohlenhydrate und ballaststoffreiche Lebensmittel konsumiert werden, um eine möglichst stabile Stoffwechsellage zu erreichen. Der theoretische Hintergrund dieses Ansatzes basiert auf der Annahme, dass hohe Insulinspiegel die Wirkung von Prostaglandinen beeinträchtigen könnten. Prostaglandine spielen eine zentrale Rolle in der Geburt, da sie die Zervixreifung fördern und Wehen auslösen. Daraus wird abgeleitet, dass eine Reduktion von Insulinspitzen die Prostaglandinwirkung verbessern und somit zu einer erleichterten Geburt beitragen könnte.

Diese Hypothese ist jedoch bislang nicht durch klinische Studien belegt. Vielmehr stützt sie sich auf biochemische und experimentelle Daten, die zeigen, dass Insulin in bestimmte Signalwege eingreifen kann, die auch an der Prostaglandinsynthese und -wirkung beteiligt sind. Solche Zusammenhänge wurden vor allem in Zellkultur- und Tiermodellen beschrieben, lassen sich jedoch nicht direkt auf den komplexen Prozess der menschlichen Geburt übertragen. Klinische Studien, die diese gesamte Kausalkette – von der Ernährung über hormonelle Veränderungen bis hin zum Geburtsverlauf – untersuchen, fehlen bislang.

Die wissenschaftliche Evidenz zur Ernährung in der Schwangerschaft stammt stattdessen überwiegend aus Studien zur niedrig glykämischen (Low-GI) Ernährung. Eine systematische Übersichtsarbeit von Wei et al., (2016)  zeigt, dass eine Low-GI-Ernährung zwar zu einer Verbesserung der mütterlichen Blutzuckerwerte führen kann, jedoch keinen konsistenten Einfluss auf zentrale geburtshilfliche Endpunkte wie Geburtsgewicht oder das Risiko für grosse Neugeborene (LGA) hat. Auch eine neuere Meta-Analyse von Zhang et al., (2023) mit über 2.300 Schwangeren mit erhöhtem Risiko für Gestationsdiabetes bestätigt, dass zwar teilweise metabolische Vorteile bestehen, die Effekte auf klinische Outcomes jedoch insgesamt begrenzt und uneinheitlich bleiben.

Randomisierte Interventionsstudien liefern ein ähnliches Bild. In der sogenannten ROLO-Studie, einer randomisierten kontrollierten Untersuchung bei Schwangeren mit erhöhtem Risiko für Makrosomie, zeigte eine Low-GI-Ernährung zwar Effekte auf den mütterlichen Stoffwechsel, jedoch keine signifikanten Unterschiede in zentralen neonatalen oder geburtshilflichen Parametern (Walsh et al., 2012; Horan et al., 2014). Auch andere Studien, beispielsweise bei übergewichtigen Schwangeren, deuten darauf hin, dass Low-GI- oder Low-glycemic-load-Diäten einzelne metabolische Parameter verbessern können, ohne jedoch konsistente Effekte auf das Geburtsgewicht oder den Geburtsverlauf zu zeigen (Rhodes et al., 2010; Petrella et al., 2019).

Zusammenfassend zeigt die aktuelle Evidenz, dass eine Ernährung mit niedrigem glykämischen Index in der Schwangerschaft vor allem im Hinblick auf die Blutzuckerregulation und teilweise auch auf das Risiko für grosse Neugeborene vorteilhaft sein kann. Gleichzeitig gibt es jedoch keine überzeugenden Hinweise darauf, dass eine solche Ernährungsweise den Geburtsverlauf, die Geburtsdauer oder das Schmerzempfinden während der Geburt relevant beeinflusst. Für die spezifische Anwendung der Louwen-Diät in den letzten Schwangerschaftswochen fehlen darüber hinaus vollständig hochwertige klinische Studien.

Damit lässt sich die Louwen-Diät aus wissenschaftlicher Sicht als ein Konzept mit plausibler biologischer Grundlage, jedoch ohne ausreichende klinische Evidenz für die zentral postulierten Effekte einordnen. Während eine ausgewogene, ballaststoffreiche Ernährung mit stabilen Blutzuckerverläufen allgemein empfohlen wird, bleibt die Annahme, dass ein gezielter Zuckerverzicht kurz vor der Geburt die Prostaglandinwirkung verbessert und die Geburt erleichtert, bislang eine nicht belegte Hypothese.

Nahrungsergänzungmittel in der Schwangerschaft

Fazit: Evidenz statt Supplement-Trend

Insgesamt zeigt die aktuelle Studienlage ein differenziertes Bild:

Nahrungsergänzungsmittel können in der Schwangerschaft einen wichtigen Beitrag zur Gesundheit von Mutter und Kind leisten, jedoch vor allem dann, wenn sie gezielt, bedarfsorientiert und auf Basis solider Evidenz eingesetzt werden.

Folsäure bleibt dabei die am besten belegte Massnahme und ist ein Beispiel dafür, wie effektiv gezielte Supplementierung sein kann. Auch Eisen, Omega-3-Fettsäuren und Vitamin D können in bestimmten Situationen sinnvoll sein, insbesondere bei nachgewiesenem Mangel oder erhöhter Risikosituation. Gleichzeitig wird deutlich, dass der Nutzen vieler weiterer Supplemente stark vom individuellen Ausgangszustand abhängt und sich nicht pauschal auf alle Schwangeren übertragen lässt.

Ein zentraler Punkt, der sich durch die gesamte Literatur zieht, ist die Bedeutung der Ausgangsernährung. Viele positive Effekte von Supplementen zeigen sich vor allem in Populationen mit unzureichender Nährstoffversorgung, während der zusätzliche Nutzen in gut versorgten Ländern deutlich geringer ausfällt.

Diese Erkenntnis unterstreicht, dass Nahrungsergänzungsmittel keine „Abkürzung“ zu einer optimalen Versorgung darstellen, sondern vielmehr eine Ergänzung zu einer bereits ausgewogenen Ernährung sein sollten. Genau hier liegt auch eine der grössten Herausforderungen: Die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit wird häufig stärker durch Marketing als durch wissenschaftliche Evidenz geprägt.

 

Quellen:

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Über die Autorin Sophie Wanner

Ich bin Mutter von drei Kindern, ausgebildete Hebamme und Aromatherapeutin sowie Pilates-Trainerin. Am liebsten bin ich draussen in der Natur unterwegs, meist laufend.

Seit Januar 2025 leite ich den Schwangerschaftsbereich bei rund∞fit.

Beruflich arbeite ich in einer Hebammenpraxis in Schweden, wo ich werdende und frischgebackene Mamas begleite. Dabei beschäftige ich mich sowohl mit Gesundheitsprävention als auch mit Verhütungsmittelberatung.

Im Schwangerschaftsprogramm bin ich deine Ansprechpartnerin. Als Hebamme beantworte ich im geschlossenen Forum unter „Frag Sophie“ Fragen rund um Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett. Ausserdem lade ich regelmässig spannende Fachpersonen ein, die ihr Wissen zu aktuellen und interessanten Themen mit uns teilen.

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