Springen, Niesen, Lachen: Warum dein Beckenboden reaktiv sein muss

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reaktives Beckenbodentraining Inkontinenz

Beckenbodentraining wird für gewöhnlich häufig mit ruhigen, kontrollierten Anspannungsübungen assoziiert. Doch die aktuelle Evidenz zeigt, dass dieses Verständnis zu kurz greift. Der Beckenboden arbeitet im Alltag und im Sport vor allem reaktiv, also als reflexiv antwortendes System, das sich blitzschnell an wechselnde Belastungen anpasst.

Reaktives Beckenbodentraining nutzt diese Erkenntnisse und setzt auf dynamische, elastische und alltagsnahe Bewegungsformen, die den Beckenboden in seinem natürlichen Funktionsmodus fordern. Reaktives Beckenbodentraining ist also ein Teil eines ganzheitlichen Beckenbodentrainings, denn ohne diese reaktive Fähigkeit, die beim Husten, Niesen, Laufen o.a. nötig ist, nützt reine Kraft oft zu wenig.

In diesem Beitrag möchten wir gezielt nur auf das reaktive Beckenbodentraining eingehen, da sich in der Praxis zeigt, dass dieses Thema noch bekannter werden darf.

Was bedeutet „reaktiv“ beim Beckenbodentraining?

Beckenboden Mobilisieren

Der Begriff “reaktiv” beschreibt die Fähigkeit des Beckenbodens automatisch und ohne bewusste Anspannung auf Druckveränderungen und Bewegungsreize zu reagieren, also quasi “ganz von allein”.
Dazu gehören:

  • plötzliche Lastwechsel (z. B. das Ausgleichen beim Stolpern oder wenn man etwas auffangen möchte)
  • Richtungswechsel (z. B. beim Fangen spielen mit den Kindern)
  • rhythmische Bewegungen (z. B. gehen/laufen, Treppensteigen, Tanzen)
  • sanfte Impacts, wie sie im Alltag ständig vorkommen (z. B. Aufstehen/Hinsetzen, Kind auf den Arm nehmen und wieder absetzen)

Da Druckerhöhungen typischerweise innerhalb von Sekundenbruchteilen geschehen können (klassische Beispiele sind Husten, Niesen, Lachen, Stolpern), benötigt der Beckenboden nicht nur eine adäquate willkürliche Maximalkraft, sondern vor allem eine gute unwillkürliche, reflektorische Schnellkraft. Er muss vorbereitend (feedforward) reagieren, das heisst, er spannt sich an, bevor der eigentliche Belastungsreiz eintrifft. Mit einer rein willkürlichen Anspannung käme der Beckenboden jedes Mal «zu spät». Dies ist zentral für Kontinenz, Rumpfstabilität und effiziente Bewegung.

Warum dynamische Bewegungen so wichtig sind

Der Alltag besteht eher selten aus statischen Haltepositionen. Stattdessen entstehen kontinuierlich Situationen, in denen der Beckenboden kurze Druckspitzen oder plötzliche Bewegungen ausgleichen muss, etwa beim Aufstehen, schnellen Gehen, Tragen, Husten oder beim Abfangen eines Schritts.

Daher sollte ein Training genau diese realistischen Bedingungen abdecken. Dazu zählen:

  • kleine federnde Bewegungen (z. B. Treppensteigen)
  • dynamische Übergänge (z. B. vom Sitzen ins Stehen)
  • leichte rhythmische Abläufe (z. B. Gehen, Gewichtsverlagerung im Stand)
  • koordinativ anspruchsvollere Bewegungsmuster

Im Sport werden solche Trainingsmethoden schon lange eingesetzt. SportlerInnen lernen, schneller zu reagieren, z.B. als HandballerIn schnell die Richtung zu wechseln oder abzuspringen, oder als LäuferIn/SchwimmerIn auf den Startschuss zu reagieren. Dass die Muskulatur lernt, sehr schnell Kraft zu entwickeln, indem sie rasch gedehnt und sofort wieder verkürzt wird, trainiert man gezielt beim sogenannten plyometrischen Training durch Sprungübungen, Explosiv- und Schnellkrafttraining.

Wissenschaftliche Grundlagen der reaktiven Beckenbodenarbeit

Im Folgenden zeigen wir kurz die wichtigsten Mechanismen auf, die auch in der aktuellen Forschung immer wieder bestätigt werden:

Feedforward-Mechanismen

EMG-Studien zeigen, dass der Beckenboden sich unbewusst und reflexiv anpasst, sobald sich im Rumpf Druck oder Beschleunigung ändert. (Smith M.D., Coppieters M.W., Hodges P.W. (2007). Postural response of the pelvic floor and abdominal muscles in women with and without incontinence. Neurourology and Urodynamics, 26(3), 377–385)

Dehnungs-Verkürzungs-Zyklus

Wie andere tiefe Muskeln nutzt auch der Beckenboden elastische Speicherprozesse. Kurze Dehnung, gefolgt von reflexartigen Kontraktionen verbessert seine Reaktionsfähigkeit und sorgt für effiziente Kraftübertragung im Rumpf-Bein-Komplex, beispielsweise beim Joggen. (Stafford, R. E., Ashton-Miller, J. A., Constantinou, C. E., Hodges, P. W., & Smith, M. D. (2022). Characterizing pelvic floor muscle activity during walking and jogging in continent adults: A cross-sectional study. Frontiers in Human Neuroscience)

Funktionelle Stabilität statt isolierter Kraft

Eine isolierte Kraft funktioniert am besten im Zusammenhang mit einer alltäglichen Bewegung. Das bedeutet eben auch, dass schnelle Bewegungen ins Training integriert werden sollten. Gute isolierte Kraft gepaart mit einer gut koordinierten Bewegung bilden eine gute Basis für herausfordernde Situationen im Alltag. Reaktive Trainingsformen verbessern genau diese funktionelle Leistungsfähigkeit. (Rieger, M. M., Papegaaij, S., Steenbrink, F., van Dieën, J. H., & Pijnappels, M. (2024). Effects of perturbation-based treadmill training on balance performance, daily life gait, and falls in older adults: REACT randomized controlled trial. Physical Therapy, 104(1), pzad136)

Praktische Umsetzung im Training

Reaktives Beckenbodentraining bedeutet nicht, sofort zu springen oder intensiv zu federn. Vielmehr geht es um eine progressive Steigerung der Dynamik, angepasst an die individuelle Belastbarkeit.

Starte mit kleinen, alltagsnahen Reizen

  • Gewichtsverlagerungen
  • leichte Federbewegungen
  • zügige Richtungswechsel im Gehen
  • Übergänge (z. B. lunge-artige Bewegungen, step-to-stand)

Reaktives Beckenbodentraining Inkontinenz Laufen

Aufbau von Rhythmus und Elastizität

Rhythmische Übungen fördern das Zusammenspiel zwischen Atmung, Rumpf und Beckenboden:

  • lockeres, dynamisches Gehen
  • kontrollierte schnelle Schritte
  • kurze, elastische Impulse
  • auch (kleine) Sprünge und Skippings können als optionale Progression integriert werden, um die Reaktionsfähigkeit weiter zu verbessern. Ausserdem hat man herausgefunden, dass Sprünge einen hohen präventiven Einfluss auf die Knochengesundheit im Alter (Osteoporose) haben. Die stossartigen Belastungen regen die Knochenbildung an, wodurch auch das Frakturrisiko sinkt. (Beck et al., 2023 (JBMR) „Effects of Moderate- to High-Impact Exercise Training on Bone Structure, Volumetric Bone Mineral Density, and Strength“)

Entscheidende Coaching-Tipps für das Training

  • “atmen statt halten”
  • “Becken bleibt stabil, nicht fest”
  • “Bewegung federnd statt drückend”
  • “Reaktion zulassen, nicht erzwingen”

Sprünge und plyometrisches Training

Wie bereits erwähnt, kann reaktives Beckenbodentraining und auch plyometrisches Training (verschiedene Sprungformen) helfen, die reaktive Stabilität und Belastbarkeit der Strukturen zu verbessern, sodass der Beckenboden im Alltag und im Sport schneller, koordinierter und sicherer auf Druck- und Stossbelastungen reagieren kann. Denn bei jedem Landen (zügiges Gehen/Laufen, schwungvoll die Treppe herablaufen oder auch bergab laufen) wirken kurzzeitig hohe Kräfte auf den Körper und der Beckenboden muss diese Impulse gemeinsam mit Bauchmuskulatur, dem Zwerchfell und der tiefen Rückenmuskulatur kontrollieren. 

Für wen eignet sich reaktives Beckenbodentraining?

Es ist sinnvoll für fast alle Zielgruppen:

  • Menschen mit Belastungsinkontinenz
  • Frauen in der Rückbildungsphase
  • Personen, die ihre Rumpfkontrolle und Bewegungsqualität verbessern möchten
  • Sportlerinnen und Sportler

Je nach Situation sollten das reaktive Beckenbodentraining jedoch individuell dosiert und bei Beschwerden, Schmerzen oder auch fortgeschrittenen Organsenkungen von einer Fachperson (Trainerin, Beckenbodenphysiotherapeutin, Sportwissenschaftlerin etc.) angepasst werden.

Fazit

Reaktives Beckenbodentraining ist ein Teil des ganzheitlichen Beckenbodentrainings und orientiert sich an der natürlichen Funktionsweise des Beckenbodens: dynamisch, reflexiv, elastisch. Statt isolierter Kraftübungen steht das Anpassungsvermögen im Vordergrund, also die Fähigkeit des Systems, schnell und effizient auf Bewegungen und Druckschwankungen zu reagieren.

Wichtig ist eine vielseitige, progressive Trainingsgestaltung, die den Beckenboden dafür stärkt, wo er im Alltag wirklich gefordert ist.

Darüberhinaus gehören zu einem ganzheitlichen Beckenbodentraining noch Wahrnehmungs- und Bewusstseinsübungen, Kraft-, Ausdauer- und Koordinationstraining, Körperhaltung und Rumpfstabilität, die Integration in den Alltag und auch den Sport sowie Entspannungsübungen und Regeneration. 

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Und wenn du dich mehr in die verschiedenen Themen einlesen möchtest, findest du auf unserer Website viele Blogartikel zu unterschiedlichen Themen:

 

Quellen:

  • Bø, K., Urinary incontinence, pelvic floor dysfunction, exercise and sport. Sports Med, 2004
  • Moser H et al. Neurourol Urodyn. 2019 Nov;38(8):2374-2382 and Leitner M et al. Neurourol Urodyn. 2019 Feb;38(2):625-631
  • Leitner, M., et al., Evaluation of pelvic floor muscle activity during running in continent and incontinent women: An exploratory study. Neurourology and Urodynamics, 2017. 36(6): p. 1570-1576
  • Beck et al., 2023 (JBMR) „Effects of Moderate- to High-Impact Exercise Training on Bone Structure, Volumetric Bone Mineral Density, and Strength“
  • Smith M.D., Coppieters M.W., Hodges P.W. (2007). Postural response of the pelvic floor and abdominal muscles in women with and without incontinence. Neurourology and Urodynamics, 26(3), 377–385
  • Stafford, R. E., Ashton-Miller, J. A., Constantinou, C. E., Hodges, P. W., & Smith, M. D. (2022). Characterizing pelvic floor muscle activity during walking and jogging in continent adults: A cross-sectional study. Frontiers in Human Neuroscience
  • Rieger, M. M., Papegaaij, S., Steenbrink, F., van Dieën, J. H., & Pijnappels, M. (2024). Effects of perturbation-based treadmill training on balance performance, daily life gait, and falls in older adults: REACT randomized controlled trial. Physical Therapy, 104(1), pzad136
  • Bø, K., M. Sherburn, and T. Allen, Transabdominal ultrasound measurement of pelvic floor muscle activity when activated directly or via a transversus abdominis muscle contraction. Neurourology and urodynamics, 2003
  • R. Schleip: Lehrbuch Faszien, Grundlagen, Forschung, Behandlung, 2020,Studienausgabe der 1. Auflage 2014
    Urban & Fischer in Elsevier Verlag
  • K. Grafen, D. Schauenberg, Dr. Suslik, D. Müller: Neurozentriertes Training in der Sportphysiotherapie, 1. Auflage 2024

 

Über die Autorin Carolin Haase

Ich bin Physiotherapeutin und Mutter von zwei Kindern.

Ich arbeite in meiner eigenen Praxis in Basel mit dem Schwerpunkt Beckenbodentherapie.

Nach der Geburt meines zweiten Kindes habe ich ein Training gesucht, welches ich möglichst flexibel gestalten kann, aber trotzdem klar strukturiert und aufbauend ist. Bei rund8fit bin ich fündig geworden und war schnell überzeugt. Nachdem ich dann die meisten Kurse absolviert hatte, habe ich das Training auch meinen Patientinnen empfohlen und viele positive Rückmeldungen erhalten.

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